URL: www.st-martha-cbs-speyer.de/aktuelles/presse/musik-weckt-erinnerungen-an-fruehere-zeiten-2ad93402-e0b8-4344-9fa9-ea44dd7b4eed
Stand: 23.07.2015

Pressemitteilung

Musik weckt Erinnerungen an frühere Zeiten

Musiktherapie Kleingruppe

Im Wohnbereich Nord des Caritas Altenzentrums St. Martha in Speyer wird musiziert, so wie an jedem zweiten Freitagnachmittag. Musiktherapeutin Eva-Maria Holzinger ist mit ihrer Gitarre gekommen. Viele der Bewohner erinnern sich gar nicht mehr an ihren letzten Besuch, der doch gerade erst zwei Wochen zurückliegt, andere scheinen komplett in sich selbst versunken zu sein, doch sie fühlen sich wohl, wenn die junge Frau zusammen mit ihnen redet und singt, auch wenn sie das so nicht mehr sagen können. Die Senioren leiden an Demenz, teilweise in weit fortgeschrittenem Stadium. Doch die Musik weckt in ihnen die Erinnerung an frühere Zeiten.

„Musik dockt direkt an das Emotionszentrum im Gehirn an. Oft kann ein dementer Mensch nicht mehr über die Sprache erreicht werden, doch wenn  gesungen wird, erinnert er sich plötzlich wieder an die Melodie und die Texte. Oft können die Senioren viele Strophen eines Liedes mitsingen“, erzählt die 26-jährige Musiktherapeutin. Im Flur des Wohnbereichs sitzt sie mit zwei Frauen und einem Mann zusammen und beginnt ein Gespräch. Noch verläuft es sehr einseitig.  Mehr als ein „ja, ja“, bekommt sie nicht zur Antwort. Der Mann  beobachtet fasziniert die Gitarre, fragt, ob die Seiten gespannt sind, dann verfällt er in Schweigen. Eva-Maria Holzinger fängt an zu erzählen, schlägt vor, ein Sommerlied zu singen und stimmt: „Jetzt kommen die lustigen Tage“ an. Sofort fällt ihre Sitznachbarin mit ein, die Stimme ist brüchig, aber der Text sitzt. Auch die zweite und die dritte Strophe kommen ohne nachzudenken. Eva-Maria Holzinger freut sich, dass sie gut beim Singen unterstützt wird. „Was mal da sitzt, geht nicht so schnell raus“, sagt die alte Dame stolz und zeigt auf ihren Kopf. Mehr sagt sie heute nicht mehr, aber sie singt weiter mit, alle Strophen von Lilli Marlen. Dann kommt auch ein Trinklied und plötzlich fällt der alte Herr, der immer noch fasziniert auf die Seiten des Instruments schaut, in den Refrain mit ein. 

Musiktherapie Gruppe

Inzwischen sind noch ein paar Senioren stehen geblieben und hören zu. Zimmertüren haben sich geöffnet. Ein Herr fährt im Rollstuhl vorbei. Gefragt, ob er da bleiben möchte sagt er mit Nachdruck: „Nein! Da wird mir schlecht!“ Eva-Maria Holzinger lächelt nur. Demente Menschen seien sehr ehrlich, die würden auch sagen, wenn es ihnen nicht gefällt, weiß sie. „Manche haben ihr ganzes Leben keine Musik gehört, warum sollten sie es heute?“, sagt sie. Für die meisten Senioren habe Musik aber eine sehr große Rolle im Leben gespielt. Früher wurde sehr viel mehr gesungen, zu Hause, in der Schule, unterwegs. Es habe ja oft nur ein Radio gegeben.  Deswegen singt sie mit ihnen Volkslieder und Schlager. Doch sie redet auch, unterhält sich mit den Bewohnern scheinbar über Gott und die Welt, so wie in der Gruppe, die im Aufenthaltsraum schon sehnlichst auf sie wartet. Die alten Herrschaften sind gerade in Wanderstimmung. „Das Wandern ist des Müllers Lust“, muss es sein. Nach der ersten Strophe wird ein Schwätzchen gehalten, bis eine Dame „Das Wasser!“  ruft. Klar, die zweite Strophe fängt so an, weiter geht´s. „Die Steine!“ fordert die Dame.  

Die alten Herrschaften reden übers Verreisen, erinnern sich an die Ferien bei Innsbruck, stimmen ins „Kufsteinlied“ mit ein. „Hoch auf den gelben Wagen“ muss es dann auch noch sein. Eva-Maria Holzinger  spricht eine Dame an, fragt ob sie neu sei. Ja, mein die und sagt, dass es ihr in Speyer nicht gefalle, sie komme doch aus dem Westerwald. Spontan wird das Westerwaldlied gesungen. Die beiden alten Herren, die heute sowieso zu Scherzen aufgelegt sind, fügen an der richtigen Stelle ein zackiges „Eukalyptus-Bonbon“ ein und die neue Heimbewohnerin wischt sich verstohlen ein paar Tränen der Rührung aus den Augen. 

Eva-Maria Holzinger reagiert spontan auf das, was die Senioren ihr vorgeben. Von den Mitarbeitern der sozialen Betreuung weiß sie einiges über die Biografie der Bewohner und kann darauf eingehen. Ganz wichtig für sie: „Man darf alten Menschen nicht vorhalten, was sie nicht mehr können, sondern muss ihnen zeigen, was sie noch können.“ Die Senioren sollen hier nichts mehr lernen, sondern eine gute Zeit haben, sich an früher erinnern. „Ich habe es auch schon erlebt, dass ein Mensch versucht, aus den Rollstuhl aufzustehen und zu tanzen. Er hat vergessen, dass er es gar nicht mehr kann“, sagt die Musiktherapeutin. 

Manche können vielleicht auf den ersten Blick überhaupt nichts mehr, doch auch hier ist Musiktherapie sinnvoll. Bevor sie mit der Gruppe gesungen hat, war Eva-Maria Holzinger schon in einigen Zimmern zu Besuch. Dort sitzt sie beispielsweise am Bett einer alten Frau, die unter schwerer Demenz leidet, und singt: „Weißt du wie viel Sternlein stehen“. Die alte Dame schläft jetzt ruhig, ihr Atem geht ganz gleichmäßig. „Sie war heute sehr müde, deshalb singe ich ihr ein Schlaflied vor“, sagt die Musiktherapeutin.  

Auch wenn einige ihrer Patienten nicht mehr sprechen können, keine Wünsche mehr äußern und völlig abwesend wirken, merkt Holzinger doch, wie sie auf die Musik reagieren. Sie sieht es an der Mimik oder den Gesten oder einfach daran, wie sich der Atemrhythmus beruhigt: „Ich merke, dass es ankommt.“ Einrichtungsleiterin  Gudrun Wolter ist froh, dass in ihrem Haus Musiktherapie angeboten werden kann. Finanziert wird das durch Spenden, die hauptsächlich von Angehörigen kommen.  

Die  Finanzierung für dieses Jahr, für die 3000 Euro nötig sind, steht so bereits. Wenn mehr Spenden zusammenkommen, kann das Angebot verlängert werden oder auf andere Wohnbereiche ausgeweitet werden. Wolter ist überzeugt, dass die Musiktherapie den Bewohnern gut tut. „Man darf nicht erwarten, dass die Krankheit durch Musiktherapie aufgehalten oder gar geheilt wird. Bei der Musiktherapie geht es um das hier und jetzt und darum, den alten Menschen positive Erlebnisse zu vermitteln zu sehen: In diesem Moment geht es ihm gut. Nur diesen Anspruch dürfen wir haben.“ 

Spenden erwünscht

Das Caritas-Altenzentrum St. Martha würde sich über Spenden für die Musíktherapie freuen. Ansprechpartnerin ist Einrichtungsleiterin Gudrun Wolter, Telefon 06232 1350.

Spendenkonto:
Kontonummer 52590, Liga Bank Speyer, Bankleitzahl 750 903 00
IBAN: DE 06 7509 0300 0000 0525 90
BIC: GENODEF1MO
Verwendungszweck: Spende Musiktherapie.
Spender können ihre Adresse angeben, um eine Spendenquittung zu erhalten.

 

Text und Bilder: Caritasverband für die Diözese Speyer / Christine Kraus